Der freie Arbeitsmarkt und die Hungergrenze - Das Problem der relativen Armut

  • Hallo zusammen,


    Ich bin vor kurzem über die Partei der Vernunft gestolpert. Viele Denkansätze und Programmatiken finde ich sehr interessant und manche Forderungen für durchaus überlegenswert. Dennoch möchte ich hier eine kleine bestehende Problematik schildern und eure Sichtweise dazu.


    Nach den libertären Modellen für einen freien Arbeitsmarkt ist es ja in der Tat so, dass dieser Arbeitslosigkeit im Grunde gar nicht kennt. Ohne eine künstliche Bindung der Löhne (z.B. gewerkschaftliche Tarifverträge) gäbe es in einem freien Arbeitsmarkt zwei gegenläufige Kurven für Angebot und Nachfrage für eine bestimmte Arbeitsleistung, wobei der gezahlte Lohn den Preis für diese Arbeitsleistung darstellt. Die Kurven sind gegenläufig, weil einerseits mit steigenden Löhnen immer mehr Menschen freiwillig bereit sind zu diesen Konditionen ihre Arbeitskraft anzubieten. Gleichzeitig werden es allerdings immer weniger, die bereit sind für diese Arbeitskraft diese Löhne zu zahlen. Der Schnittpunkt läge dann bei dem Lohn wo Angebot und Nachfrage für eine Arbeitsleistung im Gleichgewicht sind. In einer Arbeitsteiligen Gesellschaft haben wir es genau genommen natürlich nicht mit einem einzigen Arbeitsmarkt zu tun sondern mit zahllosen Märkten, quasi für jede Arbeitsleistung genau einen. Für jede Tätigkeit ergäbe sich ein eigener Lohn. So weit so gut.


    Die Modelle berücksichtigen jedoch nicht, dass es selbst bei einem vollkommen befreiten Arbeitsmarkt eine natürliche Lohnuntergrenze auf jeden Fall gibt. Wenn ich zum Erhalt meiner Arbeitskraft 2 Brötchen pro Tag benötige, meine individuellen Fähigkeiten aber grade einmal ausreichen mir damit ein Brötchen pro Tag zu erwerben, stehe ich vor einem existenzbedrohenden Problem. Unter diesen Umständen würde ich Hunger leiden und würde auf kurz oder lang meine Arbeitskraft und später mein Leben verlieren. Wo bekomme ich nun das zweite Brötchen her? Ich könnte zum Beispiel auf den Gedanken kommen mir das zweite Brötchen zu besorgen, indem ich einem anderen ein Brötchen wegnehme. Aber ich will weniger auf Kriminalität hinaus, als viel mehr auf die Frage, was wenn es vielen so geht?


    Nun im Vorfeld der französischen Revolution gab es eine ganze Reihe von Fehlentwicklungen. Unter anderen führten Hungersnöte unter der Pariser Stadtbevölkerung zu allgemeiner Unzufriedenheit und Unruhen, die am Ende die jahrhundertealte Monarchie in Frankreich hinwegfegte. Eines der bis dahin mächtigsten Reiche der Welt versank im Chaos... Das meine ich mit dem Begriff Hungergrenze aus der Themenüberschrift.


    Dabei geht es eigentlich weniger um Hunger. Weniger um existenzielle Armut, die zum Zusammenbruch des bestehenden Systems führte, als vielmehr die relative Armut. Es war nicht der Hunger allein, der die Pariser auf die Straße trieb. Erst der starke Gegensatz zum Königshaus und dem Adel, der verschwenderische Feste feierte, sich selbst jede Freiheit herausnahm während sie die Bevölkerung unterdrückten führte zum sozialen Unfrieden, der letztlich das politische System zum Kollaps brachte. Verschwenderische Privilegien von wenigen gegenüber dem Elend der Massen. Ein klassisches Beispiel extremer relativer Armut.


    Ich denke in unserer modernen Gesellschaft besteht das Problem von existenzbedrohender Armut, wie Hungersnöten oder fehlender Freiheit in diesem Maße nicht. Was bleibt ist das Problem der relativen Armut. Die Zufriedenheit eines Menschen wird oft auch durch den Vergleich zu anderen Menschen beeinflusst. Dabei kann relative Armut sehr wohl akzeptiert oder sogar als Ansporn gesehen werden. Daher ist sie auch nicht per se schlecht, ganz im Gegenteil. Und dennoch gibt es immer einem Punkt, wo Menschen unterschiedliche Lebensverhältnisse als nicht mehr gerechtfertigt empfinden. Geht es dabei vielen so wird aus dem individuell empfundenen Unrecht schnell ein gesellschaftliches Problem.


    Nun ein gewisses Maß an relativer Armut wird es in einer vernünftigen, auf Effizienz und Fortschritt bauenden Gesellschaft immer geben. Aber die Gesellschaft hat in der Geschichte immer selbst entschieden, welches Ausmaß relativer Armut sie für akzeptabel hält und ab wann das bestehende System in Frage gestellt wird. Nun die PDV hat die innere und äußere Sicherheit als eine der wenigen zentralen Aufgaben des Staates gegenüber seinen Bürgern in seinem Grundsatzprogramm festgeschrieben. Nun ich halte die Begrenzung relativer Armut auf ein gesellschaftlich akzeptables Maß auch für eine Frage der inneren Sicherheit. Doch dazu kann es sehr wohl notwendig werden eine Form von sozialer Absicherung oder staatlicher Förderprogramme zu schaffen. Beides steht meiner Meinung nach im Widerspruch mit einer rein libertären Sichtweise. Doch wie steht ihr, also die PDV dazu? Welche Antwort findet die angestrebte Gesellschaftsordnung auf dieses Problem? Habe ich etwas übersehen, was in einer libertären Gesellschaft das Entstehen extremer relativer Armut verhindert?


    vorweg schon einmal Danke und viele Grüße

  • Hallo Dennis,


    deine Frage ist wirklich sehr gut! Sie zeigt essentielle Fragen auf, die wir -glaube ich- nicht hier im Forum ausreichend diskutieren können. Ich versuchs mal in einem ersten Anlauf.


    Die meisten Menschen bringen als "letztes Argument" gegen den Libertarismus ähnliche Beispiele wie du: Wie viel "Sozial" im Sinne von "Man nehme es dem einen und gebe es dem anderen", also wieviel (planwirtschaftliche) Umverteilung ist am Ende in einem freien System dennoch nötig, damit die Menschen nicht verhungern. Auf diese Frage kann niemand, der ehrlich ist, eine definitive Antwort bringen. Einfach aus dem Grund heraus, weil ein solches System zumindest nicht geschichtlich dokumentiert jemals ausprobiert worden ist und wenn, dann nur unter ganz anderen wirtschaftlichen Voraussetzungen als wir sie heute haben. Man kann nur aus der Praxeologie heraus argumentieren und vielleicht das ein oder andere Fallbeispiel aus der Geschichte bringen.


    Ich würde es zuerst gerne mit ein paar Gegenfragen kontern:


    Angenommen, wir hätten ein freies und marktwirtschaftliches System mit einem freien Marktgeld, welches auf Grund des technischen Fortschritts tendenziell an Kaufkraft gewinnt und nicht, wie heute, durch Inflation entwertet wird. Angenommen dieses System existiert bspw. schon 10 oder mehr Jahre und jeder, der Geld verdient, kann sich jedes Jahr etwas mehr für dieses Geld kaufen. Jahr für Jahr steigt also der allgemeine Wohlstand in der Bevölkerung, weil jeder einzelne vom technischen Fortschritt bei etwa gleichbleibender Geldmenge profitiert. Glaubst du, dass die normalen Menschen, die heute 40 Stunden arbeiten, nach diesen vorher angenommenen 10 Jahren noch immer 40 Stunden arbeiten WOLLEN? Ich bezweifle das, ich würde das nicht wollen, wenn ich bei gleichbleibenden Wohlstand weniger arbeiten bräuchte. Ich würde andere Dinge bevorzugen. Das heißt, es wird ein Teil meiner Arbeit frei, die dann ein anderer erledigen kann, der seinerseits dadurch mehr Wohlstand für sich schafft. Dieses Beispiel kann man auf alle Gesellschaftsebenen und in alle Lohnsektoren anwenden. Wenn ich nun aber doch meine 40 Stunden weiter arbeiten will, habe ich auch mehr Geld bzw Kaufkraft übrig und kann mir z.B. einen Gärtner einstellen, der mir meinem Garten pflegt, weil ich zu faul bin oder das nicht gut kann. Dieser Gärtner kann von seiner Arbeit (durch die hohe Kaufkraft des Geldes) auch gut leben und kann sich auch wieder entscheiden, ob er wenige Gärten pflegt oder etwas mehr arbeitet und damit mehr Wohlstand für sich erzeugt. Der Gärtner wiederum hat, wenn er viel arbeitet, vielleicht keine Lust auf Fensterputzen und beschäftigt jemanden, der das für ihn erledigt. Und so weiter...


    Jetzt stellt sich am Ende die Frage: Wenn jeder auch mit "einfachen Tätigkeiten" ein vernünftiges Einkommen hat, warum sollte da eine explosive und revolutionäre Stimmung enstehen? Soetwas entsteht tatsächlich nur, wenn "die Reichen" alles haben und der Rest der Bevölkerung nichts hat. Das ist aber hier nicht so. Die Reichen werden zwar reicher (aber nicht mehr so schnell wie heute, wegen anderer Geldeigenschaften) aber auch die Armen werden immer reicher. Und wenn nicht durch ein unvorhergesehenes oder ungewöhnliches externes Ereignis wie Missernten, Krieg etc ein solches System "abgewürgt" wird (das würde jedes andere System auch kippen lassen), dann ist die Masse der Menschen vollkommen zufrieden, denn sie kann in vernünftigem Wohlstand leben. Sicher gibt es dann noch Neider, die behaupten, dass die Reichen böse sind. Die haben aber einfach nicht verstanden, warum die Reichen (in einem freiheitlichen System wohlgemerkt) überhaupt reich sind.


    Und nun zum Extrembeispiel: Wenn du mehr Geld übrig hast, als du zum Leben benötigst. Würdest du in deinem Dorf oder deinem Stadtteil wirklich mit ansehen, wie jemand anderes auf der Straße hungert, weil er selbst absolut nicht in der Lage ist, für sein Leben zu sorgen?

  • Wie sich in einer freien Marktwirtschaft die Ungleichheit der Besitzstände entwickelt, darüber kann nur spekuliert werden. Die Historie hat tendenziell gezeigt, dass mit eingeleiteten liberalen Reformen (Friedman, Chicago Boys und Co) die Ungleichheit (damit quasi auch die relative Armut) zunahm, aber ein allgemeiner, nachhaltiger Wirtschaftsboom ausgelöst wurde, wovon auch die Ärmsten profitierten. Allerdings wurde nie (oder gab es Ausnahmen? kenne keine) ein wirklich freiheitliches Geldwesen installiert (Goldstandard allein lasse ich jetzt mal nicht gelten), das inflationistische Umverteilungen beseitigt hätte. Da aber auch viele Ärmere verschuldet sind und von Inflation profitieren, kann man pauschal nicht behaupten, dass ein nicht inflationistisches österreichisches System die Lösung der Armutsfrage darstellt. Janichs Rechnung mit der Putzfrau, die Millionärin wird, ist gut und schön, aber leider eine populistische Milchmädchenrechnung. Denn der Ingenieur verdient in Janichs System entsprechend mehr, woher kommt denn das ganze Geld? Oder erhöht sich nur die Umlaufgeschwindigkeit? Das wäre aber das Gegenteil des österreichischen Modells. Dieses basiert darauf, dass geleistete Arbeit marktwirtschaftlich (d.h. nichts anderes als der Verbraucher hat die Macht) bewertet wird, dass also Wohlstand durch Effizienz geschaffen werden kann. Das ist der entscheidende Punkt: Die Zurückdrängung unwirtschaftlicher Staatswirtschaft bzw. staatlich subventionierter Privatwirtschaft. Zusammen mit einem stabilen Geldwesen kann dann durchaus auch die Schere zwischen Arm und Reich ein Stück weit zusammengehen, zum Beispiel dadurch, dass gutverdienende Akademiker ihr Studium selbst bezahlen und Großkonzerne nicht mehr lobbyieren können. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit gäbe es quasi nicht, aber man muss ehrlich zugeben, dass es in einer österreichischen Welt auch einmal zu nominalen Lohnsenkungen kommen könnte, was auf Betroffene psychologisch sicherlich nicht gut wirkt. Dafür dürfte sich aufgrund fehlender Inflation eine allgemeine Zufriedenheit breit machen.


    Fazit: Eine freie Marktwirtschaft ist nicht das Himmelreich, aber die Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft.

  • Björn, ich stimme dir zu, bis auf zwei kleine Punkte:


    "Da aber auch viele Ärmere verschuldet sind und von Inflation profitieren, kann man pauschal nicht behaupten, dass ein nicht inflationistisches österreichisches System die Lösung der Armutsfrage darstellt. Janichs Rechnung mit der Putzfrau, die Millionärin wird, ist gut und schön, aber leider eine populistische Milchmädchenrechnung. Denn der Ingenieur verdient in Janichs System entsprechend mehr, woher kommt denn das ganze Geld? Oder erhöht sich nur die Umlaufgeschwindigkeit?"


    Ärmere Länder profitieren zwar von Inflation - jedoch immer auf Kosten der Kaufkraft und des Wohlstandes ihrer eigenen Bevölkerung.


    Der Ingenieur verdient natürlich mehr (wie auch heute schon) weil seine Arbeit eine längere Ausbildung erfordert, risikoreicher ist und der Nutzwert seiner Arbeit höher ist. Oliver erklärt das insgesamt zwar gut, hätte aber den Begriff Millionär nicht ohne Erklärung verwenden dürfen. Millionär bezieht sich eher auf die vorhandene Kaufkraft des angesparten Geldes in der österreichischen Welt und weniger auf den Nominalwert. Er hat es halt plakativ so verdeutlicht und der Vergleich hinkt so tatsächlich ein Bisschen.

  • Zitat

    Ärmere Länder profitieren zwar von Inflation - jedoch immer auf Kosten
    der Kaufkraft und des Wohlstandes ihrer eigenen Bevölkerung.

    Inflation kurbelt tendenziell eher den Konsum an, während Deflation nachhaltigeren Wohlstand schafft. Denn wie sagt der Österreicher so schön: Höherer Konsum ist Ausdruck höheren Wohlstandes, aber nicht dessen Ursache. Das ist die Ablehnung keynesianischen Denkens auf den Punkt gebracht. Aber nichtsdestotrotz stellt Inflation eine Umverteilung zwischen Schuldnern und Gläubigern dar. Und Schuldner sind nicht selten die Ärmeren. Das wollte ich vorhin ja nur ausdrücken. Im Grunde sind wir ja einer Meinung. :)


    Ich möchte noch hinzufügen, dass ein deflationäres System selbstverständlich eine niedrige Staats-/Abgabenquote und einen flexiblen Arbeitsmarkt braucht (wie es die pdv ja auch fordert), um gut funktionieren zu können. Erst dann kann die Wirtschaft so richtig prosperieren, andernfalls besteht tatsächlich die Brüningsche Gefahr, vor allem wenn zuvor ein inflationäres System die Probleme verschleiert hat.

  • Jetzt stellt sich am Ende die Frage: Wenn jeder auch mit "einfachen Tätigkeiten" ein vernünftiges Einkommen hat, warum sollte da eine explosive und revolutionäre Stimmung enstehen? Soetwas entsteht tatsächlich nur, wenn "die Reichen" alles haben und der Rest der Bevölkerung nichts hat. Das ist aber hier nicht so. Die Reichen werden zwar reicher (aber nicht mehr so schnell wie heute, wegen anderer Geldeigenschaften) aber auch die Armen werden immer reicher.


    Hallo Thomas,


    erst einmal Danke für deine Antwort. Zu deinen Gegenfragen möchte ich einmal entgegnen, dass es mir eben nicht um tatsächliche also absolute Armut geht. Blickt man selbst auf die heutigen Verhältnisse, so kann man selbst einen ALGII Empfänger wohl kaum als arm bezeichnen in dem Sinne er müsse um seine Existenz fürchten. Um deine letzte Frage einmal vorweg zu nehmen, ich würde niemanden, der mir etwas bedeutet oder mit dem ich Mitleid bekomme kaltherzig hungern lassen. Auch ist unsere Gesellschaft nicht so, dass ich da ernsthaft eine Sorge hätte. Es wird viel gespendet, viele Menschen in diesem Land sind aktive Ehrenämtler. Es gibt Tafeln und anderweitige privat getragene, nicht notwendigerweise vom Staat bezuschusste soziale Einrichtungen. Es gibt den Zusammenhalt zwischen Familien und Freunden. In gewisser Weise hemmt die staatliche Alimentierung vielleicht sogar das private Engagement, da es eigenes Engagement vielleicht als nicht unmittelbar notwendig erscheinen lässt. Ich würde also existentielle Armut gerne ausklammern, weil für mein eigentliches Problem nicht wirklich relevant.


    Viel eher ging es mir um relative Armut. Diese wird es per Definition in jeder Gesellschaft immer zu einem gewissen Grad geben. Das Problem der relativen Armut ist es aber, dass Menschen Armut nicht anhand physischer Notwendigkeiten definieren. Vielmehr spielt der Vergleich mit anderen Mitgliedern in der Gesellschaft eine wesentlich wichtigere Rolle. Es ist doch schon jetzt so, dass der Lebensstandard unabhängig vom Einkommen allein durch den technischen Fortschritt immer weiter steigt. Dennoch empfindet sich eine immer breiter werdende Masse in unserer Gesellschaft als arm, obwohl bald jeder zweite ein Smartphone bei sich trägt. Natürlich ist Einkommen nur ein Teil der Gleichung. Ebenso sollte ein Mensch auch die Arbeitsleistung berücksichtigen, mit der ein Einkommen erzielt wird. Einer der Teilzeit arbeitet wird zum Beispiel nie auf den Gedanken kommen, dass es ungerecht sei, wenn er weniger verdient wie die Vollzeitkraft. Hier ist es aber auch leicht nachzuvollziehen, denn die Teilzeitkraft könnte ja selbst Vollzeit arbeiten um das vergleichbare Einkommen zu erzielen. Nun ist das Beispiel vergleichsweise einfach gewählt. In unserer hochspezialisierten arbeitsteiligen Gesellschaft ist ein tatsächlicher Vergleich zweier Leistungen unterschiedlicher Berufe nahezu unmöglich.
    Das heißt es ist einem Menschen nicht wirklich möglich zu berurteilen, ob jemand der das fünffache verdient auch das fünffache leistet oder das fünffache Können aufbringen muss. Aus dem Bauch heraus wird dann leicht geschlossen, dass Einkommensunterschiede nicht als gerecht empfunden werden.


    Nun ist Gerechtigkeit nichts, womit ein Markt irgendetwas anfangen kann und der Markt bewertet daher Arbeitsleistung und zugehöriges Einkommen vor allem über Angebot und Nachfrage. Das ist auch aus meiner Sicht völlig in Ordnung so, immerhin lässt einem der Arbeitsmarkt ja die Freiheit, wenn einem das angebotene Gehalt nicht passt, sich eine andere Tätigkeit zu suchen die besser bezahlt wird oder einfach zu diesem Lohn nicht zu arbeiten. Der Markt zwingt niemanden seine Fähigkeiten zu einem bestimmten Gehalt zur Verfügung zu stellen. Aber auch wenn Gerechtigkeit keine marktwirtschaftliche Größe ist, eine politische ist sie sehr wohl. Ich denke, eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich zum überwiegenden Teil ungerecht behandelt fühlen, wird immer zu einer Veränderung streben. es sollte also einer Gesellschaftsordnung immer ein Anliegen sein empfundene Ungerechtigkeiten ernst zu nehmen. Ich will noch einmal unterstreichen, es geht nicht darum, ob ein System tatsächlich Gerecht oder Ungerecht ist, sondern wie die öffentliche Wahrnehmung dazu ist.


    Naja seht es mir nach, aber ich kann nicht aus meiner sozialliberalen Haut. Zu den aktuell bestehenden sozialen Sicherungssystemen kann man denke ich unterschiedlicher Auffassung sein und ich stehe da dem aktuellen Stand eher skeptisch gegenüber. Dennoch erfüllen sie von der Idee her eben genau den Zweck, relative Armut zu begrenzen. Ich sehe nicht, wie eine freie Marktwirtschaft und Reduktion staatlicher Aufgaben auf ein Minimum dies privatwirtschaftlich sicherstellen will. Theoretisch maximierte wirtschaftliche Leistungs- und Entwicklungsfähigkeit wird nun mal bedeutungslos, wenn die Menschen ein solches System nicht akzeptieren. Von daher sollte sich ein Staat, selbst wenn er auf freie Märkte setzt, die Freiheit nicht nehmen lassen, im Notfall korrigierend einzugreifen.

  • Ich versteh, was du meinst. Damit setzt du aber (wieder) den Grundstein für weitaus stärkere Ungleichbehandlungen mit unabsehbaren Folgen, wenn du den Staat eingreifen lässt. Wir gehen hier aber eher ins Philosophische: Alle Menschen werden mit gleichen Rechten geboren. Aber niemand wird mit dem Recht auf Wohlstand geboren. Dieses Recht auf Wohlstand ist ja die Essenz dessen, was du oben geschrieben hast. Wohlstand kann aber nur durch Arbeit entstehen. Wenn die "relativ-armen" Menschen nun ein Recht auf mehr Wohlstand haben und diesen Wohlstand nicht selbst erarbeiten können oder wollen, dann muss zwangsläufig jemand anderes für den ihnen zustehenden Wohlstand arbeiten. Das kann dann nur unter Zwang funktionieren. Und das kann auf Dauer überhaupt nicht funktionieren. Nur durch unser jetziges, beliebig vermehrbares Schuldgeldsystem, hat das überhaupt solange funktioniert. Weil die Menschen nicht verstehen, wie dieses Geldsystem funktioniert. In einem anderen Geldsystem wäre diese Art von Sozialstaat gar nicht denkbar, denn die Menschen würden das sofort und direkt am eigenen Geldbeutel spüren und dankend ablehnen.


    Roland Baaders Kreide für den Wolf kann ich dir dazu empfehlen. Ist aber mittlerweile verdammt teuer...

  • Hallo Dennis!

    Die Modelle berücksichtigen jedoch nicht, dass es selbst bei einem vollkommen befreiten Arbeitsmarkt eine natürliche Lohnuntergrenze auf jeden Fall gibt. Wenn ich zum Erhalt meiner Arbeitskraft 2 Brötchen pro Tag benötige, meine individuellen Fähigkeiten aber grade einmal ausreichen mir damit ein Brötchen pro Tag zu erwerben, stehe ich vor einem existenzbedrohenden Problem. Unter diesen Umständen würde ich Hunger leiden und würde auf kurz oder lang meine Arbeitskraft und später mein Leben verlieren. Wo bekomme ich nun das zweite Brötchen her? Ich könnte zum Beispiel auf den Gedanken kommen mir das zweite Brötchen zu besorgen, indem ich einem anderen ein Brötchen wegnehme. Aber ich will weniger auf Kriminalität hinaus, als viel mehr auf die Frage, was wenn es vielen so geht?

    Voraussetzung dafür, das es kein "Hungerproblem" gibt, ist natürlich, das genügend Nahrungsmittel überhaupt vorhanden sind/produziert werden können, so das zumindstens theoretisch keiner hungern müsste.


    Das sieht dann in Deinem Beispiel - dem Bäcker und Dir, dem Bäckereigehilfen, - so aus: Der Bäcker hat Dich eingestellt, um mehr Brötchen zu prodzuzieren als er selbst verbraucht und dabei Gewinn macht. Er kann Dich also nicht verhungern lassen, so lange Du ihm dabei hilfst das zu tun: Mehr Brötchen zu backen, als er und Du zusammen zum Leben brauchen. Wenn das nicht gelingen sollte, dann gibt es Hunger, aber nicht weil es böswillige Absicht oder "Lohndumping" war, sondern weil schlicht einfach zu wenig Nahrung für alle gibt.



    Nun im Vorfeld der französischen Revolution gab es eine ganze Reihe von Fehlentwicklungen. Unter anderen führten Hungersnöte unter der Pariser Stadtbevölkerung zu allgemeiner Unzufriedenheit und Unruhen, die am Ende die jahrhundertealte Monarchie in Frankreich hinwegfegte. Eines der bis dahin mächtigsten Reiche der Welt versank im Chaos... Das meine ich mit dem Begriff Hungergrenze aus der Themenüberschrift.

    ..das sind 'externe' Einflüssen, wie z.B. auch Mißernten, die das Nahrungsangebot insgesamt unter die Hungergrenze drücken. Mit dem (freien) "Markt" hat das nichts zu tun. An ihm kann man allenfalls Mißstände erkennen, - er ist aber nicht die Ursache (wie manche Ideologen glauben machen wollen, um ihre Ideologie in's Spiel zu bringen)




    Dabei geht es eigentlich weniger um Hunger. Weniger um existenzielle Armut, die zum Zusammenbruch des bestehenden Systems führte, als vielmehr die relative Armut. Es war nicht der Hunger allein, der die Pariser auf die Straße trieb. Erst der starke Gegensatz zum Königshaus und dem Adel, der verschwenderische Feste feierte, sich selbst jede Freiheit herausnahm während sie die Bevölkerung unterdrückten führte zum sozialen Unfrieden, der letztlich das politische System zum Kollaps brachte. Verschwenderische Privilegien von wenigen gegenüber dem Elend der Massen. Ein klassisches Beispiel extremer relativer Armut.

    Hier gebe ich Dir Recht. Auch "über der Hungergrenze" hat der Mensch Bedürfnisse, - z.B. nach Anerkennung und Gerechtigkeit, - was zu Handlungen führen kann, die Hungerkatastrophen auslösen (meistens sind es dann willkürliche, planwirtschaftliche Entscheidungen - wie in Deinem Beispiel)

    Nun ein gewisses Maß an relativer Armut wird es in einer vernünftigen, auf Effizienz und Fortschritt bauenden Gesellschaft immer geben. Aber die Gesellschaft hat in der Geschichte immer selbst entschieden, welches Ausmaß relativer Armut sie für akzeptabel hält und ab wann das bestehende System in Frage gestellt wird. Nun die PDV hat die innere und äußere Sicherheit als eine der wenigen zentralen Aufgaben des Staates gegenüber seinen Bürgern in seinem Grundsatzprogramm festgeschrieben. Nun ich halte die Begrenzung relativer Armut auf ein gesellschaftlich akzeptables Maß auch für eine Frage der inneren Sicherheit. Doch dazu kann es sehr wohl notwendig werden eine Form von sozialer Absicherung oder staatlicher Förderprogramme zu schaffen. Beides steht meiner Meinung nach im Widerspruch mit einer rein libertären Sichtweise. Doch wie steht ihr, also die PDV dazu? Welche Antwort findet die angestrebte Gesellschaftsordnung auf dieses Problem? Habe ich etwas übersehen, was in einer libertären Gesellschaft das Entstehen extremer relativer Armut verhindert?

    Ich kann (noch) nicht für die pdv sprechen, aber als Sympathisant von Libertäen und Voluntaristen schlage ich vor, erst einmal die verschiedenen "Gerechtigkeitsbegriffe" zu sortieren. Gerechtigkeit vor Gesetzen der Menschen, die für alle gelten, hat eine andere Wertigkeit, als die (subjektive) Verteilungsgerechtigkeit, - die so lange nicht hergestellt werden kann, so lange es Naturgesetze gibt und und im Universum unterschiedliche Temperaturen. (Auch wenn sozialistische Ideologen etwas anderes behaupten)


    Viele Grüße