Warum so "wenig" Inflation ?

  • Die Geschäftsbanken haben ja bekanntlich die Möglichkeit, aus dem "Nichts" Geld zu schöpfen "giralgeldschöpfung". Aber warum ist dann die Inflation trotzdem noch so "niedrig" ? Die paar Prozent an Reserve die bei der Zentralbank hinterlegt werden müssen, spielen doch kaum eine Rolle. Wird ein Teil des zuviel geschöpften Geldes wieder irgendwie aus dem Verkehr gezogen, ohne dass es in der Realwirtschaft auffällt oder wie ?


    Es ist wahrscheinlich ganz einfach, aber ich habe da irgendwie eine Denkblockade. :hmm:


    PS. Kann mir jemand ein grundlegendes Werk zur Ökonomie empfehlen ? Also kein keynsianisches, libertäres, oder sonstwie gefärbtes Buch, sondern einfach Grundlagen der Ökonomie.

    Gerechtigkeit verlangt Ungleichheit als eine Bedingung von Freiheit und als ein Mittel, jeden zu belohnen entsprechend seiner Verdienste und Leistungen.

  • Ich denke es liegt am gleichzeitig stattfindenden technischen Fortschritt.
    Buchempfehlung von mir:
    Wirtschaft wirklich verstehen,
    Rahim Taghizadegan
    Gruß Maria Theresia


    So rasant kann de technische Fortschritt nicht voranschreiten. Der federt höchstens einen Bruchteil ab, aber ganz bestimmt nicht diese riesige Geldschwemme.


    Und das Buch kenne ich schon. Aber es beleuchtet alles wieder nur aus der Sicht der austrian school. Ich suche mehr ein Buch, welches allgemeine Kenntnisse vermittelt. (Wie ein Schulbuch)

    Gerechtigkeit verlangt Ungleichheit als eine Bedingung von Freiheit und als ein Mittel, jeden zu belohnen entsprechend seiner Verdienste und Leistungen.

  • Bei den Verbraucherpreisen herrscht knallharter Wettbewerb, und die wenigen Bankster, die sich einen signifikanten Anteil von der Geldschwemme abgreifen können, nutzen dies nicht, um 10x soviel Milch und Käse zu konsumieren wie Otto Normalverbraucher, sondern sie fragen Investitionsgüter nach - das hat zur dot.com Blase geführt, zu diversen Immobilienblasen, zur letzten Gold- und Bitcoin-Blase - es wirt halt alles inflationiert, was zur Wertaufbewahrung taugt, und eben nicht die Dinge des täglichen Bedarfs. Nur deswegen geht die Inflation an der Mehrheit der Verbraucher noch vorbei...

  • Inflation ist ja eigentlich der Vorgang der Geldmengenausweitung selbst. Dass die Verbraucherpreise danach steigen ist nur ein Symptom der Inflation. Das Symptom folgt normalerweise erst Jahre nach der Geldmengenausweitung. Also die Gelddruckorgien der Zentralbanken der letzten Monate werden uns erst in 1-2 Jahren oder so treffen. Das fiese daran ist, dass die Verantwortlichen den Leuten dann erzählen: "Seht her, die Preise sind doch garnicht gestiegen und die Depression wurde verhindert, wir haben alles richtig gemacht!" Das böse Erwachen kommt dann später irgendwann...
    Den Grund warum die Preise erst später steigen hat Archophob schon genannt: Die Geldflut landet zuerst bei Großbanken und Staat und die kaufen von dem Geld keine Brötchen beim Bäcker sondern erstmal Finanzprodukte, Rohstoffe, Immobilien etc. Dort werden die steigenden Preise als erstes sichtbar. Später dann in der Realwirtschaft. Ich würde sagen "Der kleine Mann" bemerkt die Inflation zuerst an der Tankstelle, beim Bäcker und bei der Miete und dann irgendwann überall.

    Zitat

    Und das Buch kenne ich schon. Aber es beleuchtet alles wieder nur aus
    der Sicht der austrian school. Ich suche mehr ein Buch, welches
    allgemeine Kenntnisse vermittelt. (Wie ein Schulbuch)

    Welche Sicht hättens denn gern? Die logische, die unlogische, die unlogische oder die unlogische? :D Mit der ÖS und der klassischen Nationalökonomie von Adam Smith bist du eigentlich schon ganz gut beraten.

  • Archophob und Matthias Polanski haben es ganz gut beschrieben.


    Ich möchte noch ein paar Stolpersteine entfernen:
    Es gibt eine Geldmengeninflation (Geldmengenaufblähung) und eine Preisinflation (Preisaufblähung).
    Anhänger der Österreichischen Schule meinen mit "Inflation" meist die Geldmengenaufblähung, während der Volksmund (und viele Interlektuelle) damit eher die Preisaufblähung meinen.
    Das gilt es zu unterscheiden, um nicht aneinander vorbei zu reden.
    Dabei gilt folgende Beziehung: Die Geldmengenaufblähung führt zu höheren Preisen, als sie ohne diese Aufblähung wären (das kann auch der gleiche Preis sein oder sogar ein kleinerer, falls die Ware entsprechend billiger geworden wäre). Manche sprechen dann hier von einer Preisinflation (obwohl der Preis nominell evtl. sogar gesunken ist).
    Manche unterscheiden hier aber auch noch, ob der Preis insgesamt höher wurde oder nicht. Die sprechen erst dann von Inflation, wenn der Preis nominell höher ist als vorher (ohne Rücksicht darauf, dass der Preis eigentlich stärker gesunken wäre ohne die Geldmengenausweitung).


    Für Preisinflation kann es mehrere Gründe geben (Warenverknappungen), nicht nur die Geldmengeninflation. Sie ist aber der wohl ungerechteste und ein künstlich herbeigeführter Grund für Preisinflation.


    Auch wo und wann die Preisinflation auftritt wurde von meinen Vorschreiben schon gesagt, hierzu nur kurz:
    Man sollte es sich nicht so vorstellen, wie oft verkürzend dargestellt:
    Ich habe 20 Äpfel und 200 €, daher kostet ein Apfel 0,1 €.
    Dann verdopple ich die Geldmenge, lasse die Äpfel aber gleich, somit kostet ein Apfel 0,2 €.
    So funktioniert es global nicht, sondern nur lokal (wo eben das neue Geld hinfließt und den Waren auch wirklich gegenübersteht).
    Das neue Geld verteilt sich nicht sofort gleichmäßig auf alle Waren, das dauert eine Weile.

  • Ok, ich rekapituliere:


    -Das inflationistische Geld von der Zentralbank/Geschäftsbanken wird erstmal nicht in Produkte des alltäglichen Bedarfs investiert, sondern auf den Finanzmärkten, Rohstoffe etc.(warum eigentlich ? Die Geschäftsbanken könnten doch auch zB. in Nahrungsmittel investieren?!) Also jedenfalls saugt dann der spekulations- und finanzmarkt das billige Geld auf. Daher merken wir in den Konsumgüterpreisen nicht die "echte" Inflation. Auf den Finanzmärkten entstehen Blasen. Irgendwann sickern die höheren Preise dann auch in die Realwirtschaft über.


    Aber 2 Sachen kapiere ich nicht:


    1. Wie kommt denn diese Trennung von Finanz-Rohstoff etc. und Realmärkten zustande ? Denn die investitionen auf den Finanzmärkten hängen doch untrennbar mit dem "echten Leben", also der Realwirtschaft zusammen. Dass sich die Preise in den Konsumgütern des alltäglichen Bedarfs erst später zeigen ist logisch, aber...


    2. ... dann müssten wir ja trotzdem mittlerweile eine noch viel größere Geldentwertung haben, denn es wird ja schon seit über 50 Jahren massiv inflationiert. Und so lange können die Preiserhöhungen doch nicht auf den Finanzmärktn bleiben. Also hätte sich die massive Geldmengenerhöhung der vielen Jahrzente doch schon längst wesentlich stärker auswirken müssen.

    Gerechtigkeit verlangt Ungleichheit als eine Bedingung von Freiheit und als ein Mittel, jeden zu belohnen entsprechend seiner Verdienste und Leistungen.

  • 1. Wie kommt denn diese Trennung von Finanz-Rohstoff etc. und Realmärkten zustande ? Denn die investitionen auf den Finanzmärkten hängen doch untrennbar mit dem "echten Leben", also der Realwirtschaft zusammen. Dass sich die Preise in den Konsumgütern des alltäglichen Bedarfs erst später zeigen ist logisch, aber...


    2. ... dann müssten wir ja trotzdem mittlerweile eine noch viel größere Geldentwertung haben, denn es wird ja schon seit über 50 Jahren massiv inflationiert. Und so lange können die Preiserhöhungen doch nicht auf den Finanzmärktn bleiben. Also hätte sich die massive Geldmengenerhöhung der vielen Jahrzente doch schon längst wesentlich stärker auswirken müssen.


    zu 1.:
    Da bin ich jetzt nicht so im Thema, aber wahrscheinlich, weil die Finanz- und Rohstoffinvestitionen scheinbar rentabler sind.
    Wobei auch mit Aktien (was ja oft auch Realwirtschaft ist) spekuliert wird.
    Aber wie gesagt, den Umfang usw. weiß ich nicht, müsste mich erst informieren (oder jemand hier weiß es?)


    zu 2.:
    Die Preisinflation ist ja auch beträchtlich.
    Ich habe hier einen Rechner gefunden, der mit den offiziellen (weit untertriebenen) Inflationszahlen rechnet. Für den Zeitraum von 1992 bis 2013 sagt dieser, dass ich ca. 33% Kaufkraftverlust habe. Das sind 21 Jahre und die (falschen) offiziellen Zahlen und technischer Fortschritt, der das ganze billiger macht und auch sehr stark in diesen 21 Jahren war, fließt ja noch nicht mal mit ein, weil nur die nominelle Preissteigerung betrachtet wird.
    Gefühlt würde ich sagen, dass seit Einführung des Euro die Kaufkraft nur noch ein Viertel (manchmal auch die Hälfte) beträgt. Denn oftmals denke ich mir, dass es früher in DM nominell noch die hälfte gekostet hat. Natürlich nicht bei allem, und auch nur gefühlt, da ich die Preise nicht mehr genau weiß.
    Man bräuchte eine wertsabile Ware, deren Preis nicht manipuliert wird und das es schon seit mind. 50 Jahren gibt, um zu ermitteln, wie stark die Kaufkraft bereits zurückgegangen ist. Der Goldpreis ist hier vllt. noch halbwegs brauchbar...
    Hier ein Chart, dass von Ende 1999 bis heute geht.
    Ende 1999 in etwa 280€ heute (und da ist schon ein großer Einbruch dabei, der vllt. nur temporär ist) 1.031€ je Unze.
    Da wären es ca. 73% auf 14 Jahre. Lässt man den kürzlichen Einbruch weg (bei ca. 1.400€) wären es sogar 80%.
    Aber diese Berechnungen sind natürlich auch nicht allzu zuverlässig.

  • Wenn man sich mal den Benzinpreis in Gold gerechnet anschaut, sieht man dass er seit Jahrzehnten ziemlich stabil ist. Die letzten Jahre ist er sogar eher gefallen: http://www.investor-verlag.de/…icht-wirklich-/105100711/
    Die Papierwährungen sind nicht stabil und daher sehr schlecht geeignet als Wertmaßstab. Wie ein Zollstock auf dem die Millimeterstriche immer kleiner werden. Damit kann man nicht vernünftig messen.
    Ich bin da auch kein Experte, aber Produkte die aus Rohstoffen bestehen, in die das frische Geld als erstes flieht scheinen sich auch für den Endverbraucher relativ schnell zu verteuern. Für den Autofahrer hat das was gerade jetzt an den Finanzmärkten passiert, dann durchaus ziemlich schnell eine Auswirkung. Für den Tierfreund, steigt der Preis von Wellensittichen aber wahrscheinlich erst in vielen Jahren... Im offiziellen Warenkorb zur Konsumentenpreisberechnung, befinden sich tatsächlich Wellensittiche und irgendwelches Gedöns mit absurden Gewichtungen. So kommt die geschönte offizielle Inflationsrate zu stande...
    Wichtig für die Preisinflation ist aber auch das Vertrauen in die Währung. Weniger Vertrauen bedeutet mehr Leute wollen die Währung abstoßen. Die Umlaufgeschwindigkeit steigt dann weil man sich die Geldscheine rumreicht wie den Schwarzen Peter. Die Preise für reale Güter steigen dann selbst wenn die Zentralbank aufhört Geld zu drucken. Im Moment ist das allgemeine Vertrauen in Euro und Dollar ungerechtfertigter Weise noch ziemlich hoch. Das hat möglicherweise einen noch größeren Preisinflationsschub bisher verhindert. Das heimtückische an der Hyperinflation ist ja dass sie so schnell und blitzartig kommt, weil alle kollektiv das Vertrauen verlieren.

  • man sollte auch bedenken,
    es gibt Geld sowohl in stofflicher Form als Bargeld und unstofflicher Form als Giralgeld. Dies betrifft unsere Guthaben und Schulden.
    Da der Warenkorb als Grundlage der Inflationsmessung nur das stoffliche Bargeld berücksichtigt und die Waren zudem noch unterschiedlich gewichtet werden könnten, kann man sich das Ergebnis hinbiegen wie man es gerade braucht.


    Buch:
    Geld und Geldpolitik von der deutschen Bundesbank - gibt umsonst als PDF oder Buch

  • Was mich etwas pessimistisch stimmt, ist die Inflation in der Schweiz,
    welche man unternehmen musste, um noch exportieren zu können.
    Es ist doch so, dass der Euro ständig an Wert verliert, während der
    Schweizer Franken verglichen damit an Wert zunimmt, also für uns in
    der EU Importe aus der Schweiz immer teurer werden. Dieses Problem
    hat man auch in der Schweiz erkannt und weil man dort vom Export
    abhängig ist, der Überteuerung der eigenen Währung 2011 einen Riegel
    vorgeschoben. Man erzeugt dort nun seitdem eine künstliche Inflation
    und achtet drauf, dass der Schweizer Franken maximal 1,5 mal soviel
    wie ein Euro wert ist.


    Jetzt mein Gedanke zu unserem Zielmodell eines souveränen Deutschlands:
    Müsste uns nicht dasselbe passieren? Mein ja bloß, wenn man vom
    Import-/Export-Weltmeister Deutschland spricht...

  • Mit der relativ starken DM war Deutschland ja auch schon Exportweltmeister. Gerade eine stabile Währung und wirtschaftliche Freiheit sorgen langfristig für wirtschaftlichen Erfolg. Man muss auch bedenken dass eine starke Währung den Import wichtiger Rohstoffe billiger macht. Exportwaren müssen also nicht unbedingt teurer werden. Länder die versuchen sich per Inflation exportfähiger zu machen, ruinieren sich nur langfristig. Die Schweizer tun sich sicherlich keinen Gefallen wenn sie beim Inflationskrieg mitmachen.

  • Ein Exportgeschäft ist ja erst dann abgeschlossen wenn ein gleicher Wert als Bezahlung zum Exporteur zurückfliesst.


    Das Problem des deutschen Exportweltmeisters ist ja, das die Bezahlung in der überwiegenden Mehrheit aus bunten ungedeckten Zetteln besteht. Dtl liefert Wert und erhält Papier welches dann auch noch von Dtl selbst gedeckt wird (bezahlt/verbürgt sich also für sich selbst).
    Was nützt die beste aufgeblasene Exportstatistik, wenn es eigentlich keinen wirklichen Sinn macht Exporte um der Exporte willen zu haben, da eine große Zahl der Käufer sich diese eigentlich nicht leisten kann und entsprechend keinen Wert dafür liefert.


    Aus diesem Grund könnte auch China kollabieren, da die Chinesen auf einen riesen Haufen wertloser Papierdollar sitzen und dafür aber jede Menge Wert/Arbeit geliefert haben.


    edit: Greenspan´s bester Witz - der leider toternst ist
    http://www.youtube.com/watch?v=q6vi528gseA

  • Auch Andreas Popp hat das hier beschrieben.
    Damit hat er hier auch recht (wenn ich ihm auch sonst oft widersprechen würde). Eigentlich ist es dämlich Exportweltmeister zu sein, wenn die Währung wertlos ist (sobald das Vertrauen darin zurecht nachlässt). Aber hier passt natürlich auch wieder die Metapher vom Schwarzen Peter... wenn ich das "Geld" schnell genug wieder los werde, habe ich das Problem nicht mehr ^^.

  • Es entspricht eigentlich nur konsequenter Logik.


    Es haben ja schon einige auch bekanntere Leute öffentlich darüber debatiert
    Werner Sinn http://www.youtube.com/watch?v=Ls78xJ5IEP0
    bzw die Österreicher untersucht

    Im ersten Drittel dieses Videos redet Sinn wirres Zeug. Danach wird es interessant und er spricht die unverblühmte Wahrheit. Die Südländern finanzieren sich über die Notenpresse (Schulden) und kaufen damit echte physikalisch vorhandenen Waren, unsere Exporte z.Beispiel. Da wir momentan eine Gemeinschaftswährung haben, trifft die Neuverschuldung der einzelnen EU-Länder JEDEN!
    Wir liefern echte Werte und erhalten wertloses Papiergeld und fressen noch die dadurch instehende Inflation (=Kaufkraftverlust des Geldes, Massenenteignung).
    Jedes Land sollte sich, wenn überhaupt, nur in der eigenen Währung verschulden dürfen (besser wären gar keine Schulden).


    Vollgeldreform wäre der erste gute Schritt um diesen Inflationsalptraum etwas entgegenzustellen. Langfristig kommen wir an einem Währungswettbewerb nicht vorbei (=freies Marktgeld).