Beiträge von Björn Düßmann

    Ich würde das gar nicht konkret auf die Wirtschaftskrise anwenden.
    Generell zahlen in einem System, in dem eine hohe Staatsquote herrscht, diejenigen Leute die Zeche, die am weitesten vom Staatstrog entfernt sind. Also zunächst einmal Arbeitende in der freien Wirtschaft, welche Steuern (nicht nur Einkommensteuer, auch Energiesteuern etc.) zahlen. Im Vergleich zu einem System mit geringer Staatsquote scheinen mir im jetzigen System vor allen jene schlecht wegzukommen, welche im staatsfernen Dienstleistungssektor arbeiten, Einkommensteuer zahlen, ein Auto fahren und nicht studiert haben. Also Teile des (unteren) Mittelstandes. Pauschalisieren ist natürlich sehr schwer, denn in einer Welt, in der die Staatskrake überall ihre Tentakel hat, kann man manchmal schwer durchblicken, wer unterm Strich Profiteuer oder Zahler ist. Klar ist aber, dass der wirklich kleine Mann, der arbeitslos ist, in unserem System insofern Profiteur ist als dass er für keine Arbeit Geld bekommt. Dafür hätte er aber in einem freien Markt besseren Zugang zur Arbeit.

    Die direkte Infrastrukur der Wasserleitungen kann sehr gern in kommunaler Hand sein, das ist womöglich auch sinnvoll. Aber es spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, Reparaturen, Wasseraufbereitung ect. von privaten Firmen, die miteinander konkurrieren, vornehmen zu lassen. Das geschieht ja auch vielerorts. Vor der Privatisierung an sich sollte man sich also nicht fürchten. Es kommt darauf an, wie diese vollzogen wird, da braucht es auch gute Verhandlungspartner in den Kommunen. Und von Privatisierungszwang ist ja ohnehin nicht die Rede. Die pdv ist sicherlich keine Partei, die dem Motto folgt, möglichst viel in kommunaler Hand umso besser. Gehälter der Menschen von Wasseraufbereitungsfirmen und Qualität der Dienstleistungen können sich im Markt nämlich besser entfalten. Dazu muss eine Kommune nicht gleich ihr Infrastrukturnetz verkaufen, es genügt, wenn sie daran Dienstleistungen erbringen lässt. Eines noch: Spekulation wird gern verteufelt, aber aus Sicht der österreichischen Schule der Ökonomie ist Spekulation sogar nützlich.

    Interessanter Einwurf mit Rothbard :)

    Zitat

    Verträge über die Verfügung eines Menschen dürfen jedoch nicht
    unkündbar sein, denn die Gegenseite könnte sich jederzeit umentscheiden

    Wenn aber beide Vertragspartner die Unkündbarkeit wollen, was dann? Sie also beide glauben, dass sie es jetzt besser wissen als morgen. Dass sie sich also zwingen möchten auch in Zukunft das einzuhalten, was sie jetzt für richtig halten.


    Man könnte argumentieren: Die Vertragspartner können ja im Vertrag ein Strafmaß aushandeln, das denjenigen trifft, der den Vertrag dennoch brechen sollte. Damit hätte man die Vertragsfreiheit ein wenig gestärkt, hat aber immer noch das Problem, dass die Strafe für Vertragsbruch eine erhebliche Einschränkung der negativen Freiheit bzw. des Selbstbestimmungsrechts der Person darstellen könnte/würde. Dann könnte man wieder sagen: Selbst Schuld. Und sollte keine Strafe ausgehandelt worden sein, so gäbe es auch keine Strafe. Diese Denkweise wäre dann wohl ein Kompromiss zwischen Rothbard und Zink. Schwachpunkt: Inkonsequente Denkweise.


    Eine andere Denkweise wäre vielleicht doch ein paar rechtliche Grundsätze zu fordern wie z.B.: Die aktive Tötung, Verletzung eines Menschen ist nicht erlaubt. Innerhalb dieses Rahmens könnte man evt. absolute Vertragsfreiheit fordern. Schwachpunkt: Inkonsequente Denkweise.


    Die Zinksche Theorie ist konsequent aber etwas makaber und stellt einen Vertrag über das Selbstbestimmungsrecht der Gegenwart.


    Die Rothbartsche Theorie (falls ich sie richtig verstanden habe) stellt den Sinn eines Vertrages ziemlich in Frage, indem sie das Selbstbestimmungsrecht der Gegenwart über alles stellt. Beispiel: 2 Kartenspieler spielen um Geld. Mitten im Spiel merkt der eine Spieler dass er verlieren wird, kündigt einfach den Vertrag und zahlt nichts. Müsste nach Rothbard rechtlich in Ordnung sein. Die Sichtweise hat schon was. Sie verhindert Win-lose-Situationen der Gegenwart. Aber eine Privatrechtsgesellschaft wird dadurch ja auch unmöglich gemacht oder?


    Meine Theorie steht noch nicht. Muss noch ausgiebig nachdenken... :hmm:

    Im großen und ganzen argumentierst du schlüssig.


    Aber:

    Zitat

    Dass sich der Verlieren wehren muss, würde eine Art Lebenspflicht
    voraussetzen, die selbst der Eigentümer des Lebens nicht außer Kraft
    setzen kann.

    Von dieser Pflicht habe ich nicht gesprochen. Viel mehr sehe ein Konflikt dann gegeben, wenn der Verlierer doch nicht erschossen werden will (er dachte vielleicht dummerweise dass er sowieso gewinnt) und also einen Vertragsbruch begeht, in dem er nun doch seine negative Freiheit, nicht erschossen zu werden, einfordert. Darf der Gewinner ihn dann trotzdem rechtmäßig erschießen. Oder darf ihn der Gewinner nur wegen Vertragsbruch anzeigen. Und was stände darauf dann für eine Strafe? Das ist die Frage.

    @ Thomas Zink:
    Danke, gut auf den Punkt gebracht. Jetzt kommt dann das Problem mit der Vertragsfreiheit hinzu. Ist es in Ordnung, dass zwei Personen einen Vertrag abschließen, dass bei einem Schere-Stein-Papier-Spiel derjenige vom anderen erschossen wird, der verliert? Wenn ja: Ist es auch in Ordnung, dass der Gewinner dann den Verlierer erschießt? Muss der Verlierer also Vertragsbruch begehen, um sein Lebensrecht zu erhalten oder nützt ihm nichteinmal das mehr, weil der Gewinner "pacta sunt servanda" fordert? Oder ist ein Lebensrecht per se nicht verhandelbar? Das mag nun wieder ein Extrembeispiel sein, aber ich finde es lohnt sich darüber zu diskutieren.

    Zitat

    Ärmere Länder profitieren zwar von Inflation - jedoch immer auf Kosten
    der Kaufkraft und des Wohlstandes ihrer eigenen Bevölkerung.

    Inflation kurbelt tendenziell eher den Konsum an, während Deflation nachhaltigeren Wohlstand schafft. Denn wie sagt der Österreicher so schön: Höherer Konsum ist Ausdruck höheren Wohlstandes, aber nicht dessen Ursache. Das ist die Ablehnung keynesianischen Denkens auf den Punkt gebracht. Aber nichtsdestotrotz stellt Inflation eine Umverteilung zwischen Schuldnern und Gläubigern dar. Und Schuldner sind nicht selten die Ärmeren. Das wollte ich vorhin ja nur ausdrücken. Im Grunde sind wir ja einer Meinung. :)


    Ich möchte noch hinzufügen, dass ein deflationäres System selbstverständlich eine niedrige Staats-/Abgabenquote und einen flexiblen Arbeitsmarkt braucht (wie es die pdv ja auch fordert), um gut funktionieren zu können. Erst dann kann die Wirtschaft so richtig prosperieren, andernfalls besteht tatsächlich die Brüningsche Gefahr, vor allem wenn zuvor ein inflationäres System die Probleme verschleiert hat.

    Zitat

    sondern er darf es halt nicht, weil es mein Eigentum ist.

    Heißt das dann, Tötung auf Verlangen ist in einer libertären Welt illegitim?


    P.S.: Vermutlich nicht, aber was, wenn der, der sich erschießen lassen möchte zusätzlich den Wunsch äußert, der eine möge ihn erschießen ohne dass festgehalten wird, dass es Tötung auf Verlangen war? Nach meiner Logik ist Tötung auf Verlangen zwar vereinbar mit dem Selbstbestimmungsrecht. Der, der getötet wird, hat nicht gegen Gesetz verstoßen. Allerdings hat der Schießende gegen das Recht auf negative Freiheit des anderen verstoßen. Das Problem ist also: Wie behandelt man rechtlich Fälle, in denen jemand sein negatives Freiheitsrecht selbstbestimmt aufgehoben wissen will? Schwierig... Intuitiv würde ich sagen: Für den Betreffenden bricht Selbstbestimmungsrecht das Recht auf negative Freiheit, aber hat dadurch der andere automatisch das Recht die negative Freiheit des einen auf dessen Wunsch einzuschränken. Ich würde sagen nicht unbedingt. Jedoch kann ich es im Moment nicht streng logisch begründen. Mal nachdenken... Vielleicht sollte man Selbstbestimmungsrecht und Recht auf negative Freiheit doch als eines betrachten, das im Zweifelsfall immer durchgesetzt werden muss. Erstmal müsste man Recht auf Selbstbestimmung und Recht auf negative Freiheit erst einmal richtig definieren. Aber ich würde meinen, dass das Selbstbestimmungsrecht genau dann zum bloßen Recht auf negative Freiheit wird, wenn das menschliche Individuum nicht in der Lage ist oder war, sich für sein Selbstbestimmungsrecht auszusprechen. Das würde den Erschießungsfall nämlich lösen und nach meiner Sicht auch die Abtreibungsfrage. Bleibt die Frage nach der aktiven Sterbehilfe bzw. Tötung auf Verlangen. Ich halte es zumindest für moralisch illegetim, ob ich es auch rechtlich-libertär so ableiten kann ist eine andere Frage, werde darüber nachdenken...

    Zitat

    Entweder er hat sie von Anfang an (warum dann aber nicht auch jedes
    Tier?) oder sie wird mit einer Fähigkeit/Eigenschaft wie etwa
    Intelligenz "erworben".


    Das Alter ist hier einfach nicht logisch (Wenn auch praktisch ein einfacher Weg das einigermaßen gut zu regeln).

    Richtig. Axiome sind im Prinzip nicht verhandelbar.


    Aus meiner Sicht gibt es einfach das Recht auf negative Freiheit eines jeden menschlichen Individuums ab der Befruchtung. Das ist mein Axiom und wird von mir nicht weiter hinterfragt. Tiere sind also bei mir einfach per definitionem ausgeschlossen. Natürlich kann man fragen warum. Ich werde antworten: Darum. :miffy:


    Inwiefern Selbsteigentumsrecht mit dem Recht auf negative Freiheit übereinstimmt, darüber habe ich mir noch nicht wirklich Gedanken gemacht. Aber selbst wenn ein noch nicht vernunftbegabtes Kind kein Selbsteigentumsrecht hat, muss es doch ein Recht auf negative Freiheit haben oder? Ist das Recht auf negative Freiheit vielleicht eine grundlegende, immerwährende Vorstufe zum Selbsteigentumsrecht? Denn wer nur ein Selbsteigentumsrecht besitzt, den könnte man doch von hinten erschießen, bevor er sagen könnte: Nein ich will das nicht. Es muss also noch das Recht auf negative Freiheit hinzukommen, das im Zweifel immer durchgesetzt wird, unabhängig davon ob sich der Betroffene zu seinem Recht äußern kann oder nicht. Das ist vielleicht sogar ein Stück weit eine Erklärung meines Axioms.

    Wie sich in einer freien Marktwirtschaft die Ungleichheit der Besitzstände entwickelt, darüber kann nur spekuliert werden. Die Historie hat tendenziell gezeigt, dass mit eingeleiteten liberalen Reformen (Friedman, Chicago Boys und Co) die Ungleichheit (damit quasi auch die relative Armut) zunahm, aber ein allgemeiner, nachhaltiger Wirtschaftsboom ausgelöst wurde, wovon auch die Ärmsten profitierten. Allerdings wurde nie (oder gab es Ausnahmen? kenne keine) ein wirklich freiheitliches Geldwesen installiert (Goldstandard allein lasse ich jetzt mal nicht gelten), das inflationistische Umverteilungen beseitigt hätte. Da aber auch viele Ärmere verschuldet sind und von Inflation profitieren, kann man pauschal nicht behaupten, dass ein nicht inflationistisches österreichisches System die Lösung der Armutsfrage darstellt. Janichs Rechnung mit der Putzfrau, die Millionärin wird, ist gut und schön, aber leider eine populistische Milchmädchenrechnung. Denn der Ingenieur verdient in Janichs System entsprechend mehr, woher kommt denn das ganze Geld? Oder erhöht sich nur die Umlaufgeschwindigkeit? Das wäre aber das Gegenteil des österreichischen Modells. Dieses basiert darauf, dass geleistete Arbeit marktwirtschaftlich (d.h. nichts anderes als der Verbraucher hat die Macht) bewertet wird, dass also Wohlstand durch Effizienz geschaffen werden kann. Das ist der entscheidende Punkt: Die Zurückdrängung unwirtschaftlicher Staatswirtschaft bzw. staatlich subventionierter Privatwirtschaft. Zusammen mit einem stabilen Geldwesen kann dann durchaus auch die Schere zwischen Arm und Reich ein Stück weit zusammengehen, zum Beispiel dadurch, dass gutverdienende Akademiker ihr Studium selbst bezahlen und Großkonzerne nicht mehr lobbyieren können. Unfreiwillige Arbeitslosigkeit gäbe es quasi nicht, aber man muss ehrlich zugeben, dass es in einer österreichischen Welt auch einmal zu nominalen Lohnsenkungen kommen könnte, was auf Betroffene psychologisch sicherlich nicht gut wirkt. Dafür dürfte sich aufgrund fehlender Inflation eine allgemeine Zufriedenheit breit machen.


    Fazit: Eine freie Marktwirtschaft ist nicht das Himmelreich, aber die Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft.

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    Was ist mit folgendem Extrembeisiel: Ich erwarte ein schwerstbehindertes
    Kind. Ich will seine Qualen verhindern.Außerdem befürchte ich, daß sich
    nach meinem Tod keiner mehr entsprechend um das Kind kümmert.Treibe
    deshalb ab.

    Soetwas macht man bei Tieren. Dem Mensch steht es aus konservativer und liberaler Sicht nicht zu, zu entscheiden, welches Leben lebensunwert ist. Wo kommen wir denn da hin?! Wer sich nicht zutraut für ein behindertes Kind zu sorgen, der sollte so stark sein, einzusehen, dass er mit einer Abtreibung Unrecht vor dem Gesetz getan hat. Einfach Gesetzeslosigkeit zu fordern und dann zu sagen, dadurch würden die Menschen besser, ist reichlich naiv und zeugt eben nicht von libertärem Realismus. Gesetzeslosigkeit fördert bei vielen eine "anything goes" Mentalität, die sich darin äußert, dass das, was rechtlich in Ordnung sei, auch moralisch vertretbar wäre. Libertäre und Liberale haben sowohl ein positives als auch ein negatives Menschenbild. Das positive äußert sich darin, dass dem Menschen die Freiheit zugetraut werden muss. Das negative darin, dass ausgenutzte Freiheit einen nur selbst schädigen darf. Klar kann man nun argumentieren, dass bis zur 26. Woche das Kind Eigentum der Mutter ohne Rechte ist, damit kann man sich theoretisch aus dem Schneider argumentieren, genau auf dieses Eingeständnis wollte ich von Anfang an hinaus, das ist konsequent. Aber wäre es dann nicht gleichzeitig auch in gewissem Maße Eigentum des Mannes, der seinen Beitrag dazu geleistet hat? Für mich aber ist die Grenze der 26. Woche unerheblich, da es sich auch schon davor zweifellos um ein menschliches Individuum handelt, das gerade am Anfang besonders schutzbedürftig ist.

    Zitat

    Dieses Problem ist einfach nicht für alle zufriedenstellend lösbar und sagt am Ende rein gar nichts über den Rest einer Philosophie oder eines Systems aus.


    Das Problem "Welches Wirtschaftssystem" ist auch nicht für alle zufriedenstellend lösbar und dennoch präferieren Libertäre ein möglichst freies. Und Abtreibung ist sicherlich kein Extrembeispiel, es passiert immerhin millionenfach...



    Zitat

    Der Konflikt besteht zwischen dem Selbsteigentumsrecht der Frau und dem Recht des Kindes auf Leben.


    Ist das Kind also aus Ihrer Sicht gleichzeitig Eigentum der Mutter UND ein menschliches Wesen mit Rechten? Ist es nicht libertäre Sicht, dass Eigentum keine Rechte besitzt? Und wenn ein Mensch Eigentum ist, handelt es sich dabei dann nicht um einen Sklaven?

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    Björn, du hast dich sicher schon in die Materie recht gut eingelesen.
    Aber alleine dass du das Beispiel eines Arztes, der einen Verletzten
    liegen lassen kann, bringst, zeugt meiner Meinung nach davon, dass du
    zwar einerseits die Theorie gut verstanden hast, andererseits aber doch
    den Libertarismus nicht vollständig vertrittst.

    Es kommt wohl eher nicht so gut an, dass ich den Libertarismus mit Extrembeispielen erkläre. Aber eine Weltanschauung/Denkrichtung kann man immer am besten erklären, wenn man sie an Extrembeispielen erklärt, denn so stößt man zum Kern des Problems vor. Schon klar, dass das für die Außendarstellung wenig förderlich ist, der Libertarismus soll ja immer ganz sympathisch und nett rüberkommen (ist er ja auch :) ) aber man muss erstmal die knallharten Grundlagen der Denkrichtung anerkennen um daraus dann ein vernünftiges Gesellschaftsmodell abzuleiten; und dieses - da stimmen wir vollkommen überein - ist durch Recht und(!) Moral bestimmt.


    Zitat

    Ich glaube, du machst dir zuviele Gedanken. In einer freien
    Gesellschaft, davon gehe ich zumindest aus, wird es mit ziemlicher
    Wahrscheinlichkeit viel weniger Abtreibungen geben als heute.

    Zu viele Gedanken kann man sich fast nicht machen ;) Ob man das so sicher sagen kann? Man könnte ja alle möglichen Szenarien (verschiedenes Recht gekoppelt mit verschiedenen Moralvorstellungen) durchspielen, aber die Gedanken mach ich mir jetzt auch nicht... ;)

    Nur noch eine Anmerkung zum Schluß: Liberale und Libertäre sind keine Nihilisten, auch in einer liberalen Welt kann ein Arzt sich nicht verhalten, wie es ihm grad gefällt. In einer liberalen Welt betreibt der Staat bloß keine Zwangsgeburten.


    Ein Arzt kann in einer libertären Welt machen was er will, solange er nicht die negative Freiheit eines anderen einschränkt. Er muss also z.B. keine Pille danach (die gäbe es in einer libertären Welt vermutlich sowieso rezeptfrei) verabreichen, ja er kann sogar dabei zusehen, wie ein Opfer am Straßenrand verblutet. Letzteres ist moralisch natürlich extremst verwerflich, und kaum ein Arzt würde das tun, weil sein Ruf damit zurecht komplett zerstört wäre und er vermutlich auch gegen einen Vertrag verstoßen würde, den er nach seinem Studium abgeschlossen hat. Aber im Libertarismus wird Recht nunmal streng von Moral getrennt.


    Richtig, Libertäre sind keine Nihilisten, das bedeutet einerseits dass sie auch Moralvorstellungen haben, die das Recht vollenden bzw. ergänzen, und andererseits dass sie an Grundaxiome glauben, die Grundlage des Rechts sind.


    Frau Marschner, eines habe ich noch nicht verstanden: Warum Sie einen Rechtskonflikt erkannt haben wollen. Kann ein menschliches Leben (falls Sie ein Ungeboreres als solches bezeichnen, ansonsten ist die Frage hinfällig) so wenig wert sein, dass man es aufgrund niedrigerer Beweggründe (Mutter nicht in Lebensgefahr) opfern darf?

    Zitat

    Rechtskonflikt

    Wenn man das ungeborere Kind nicht als Eigentum der Mutter auffasst, gibt es, wie ich finde, keinen Rechtskonflikt. Dann hört die Freiheit der Mutter dort auf, wo die Freiheit des Kindes beginnt.


    Und wenn man knallhart das Ungeborene als Selbsteigentum der Mutter, quasi als Wesen ohne Freiheitsrechte, auffasst, dann besteht auch kein Rechtskonflikt, denn dann wäre Abtreibung grundsätzlich legal.


    Es besteht also nur ein Konflikt verschiedener Sichtweisen. Demzufolge hat die pdv gesagt, keine Meinung dazu zu besitzen.


    Zitat

    Ihre Haltung führt in der Realität zu solchen Situationen:

    "Führt zu" lasse ich nicht gelten. Rechtlich gesehen kann ein privates (in dem Fall mehr oder weniger privat nehme ich mal an) Krankenhaus jeden abweisen, aus libertärer Sicht versteht sich. Aus christlicher/katholischer/menschlicher Sicht sollte man eine solche Frau sicherlich nicht abweisen, aber die Verabreichung einer "Pille danach" wird im (konsequenten) Katholizismus nunmal kritisch gesehen, was völlig legitim ist. Meine Rechtsordnung ist allerdings etwas liberaler, allerdings bin ich im Vergleich sicherlich eher auf Kirchenseite (=konservativ) als auf der Seite von Alt-68-Feministinnen(=links), die zum Teil fast schon stolz auf Abtreibungen sind.
    Mit der Kirche wäre ich z.B. in diesem Punkt einer Meinung.
    Ein Beratungsgespräch mit der Option einer Abtreibung macht keinen Sinn, weil diese Option ohnehin abgelehnt wird.

    Zitat

    Im Übrigen habe ich persönlich die Haltung einiger Libertärer nie
    verstanden, den Minimalstaat zu fordern, aber gerade
    Schwangerschaftsabbrüche mit maximalen staatlichen Zwangsmitteln
    sanktionieren zu wollen. Ist für mich ein innerer Widerspruch.

    Für diese Libertäre (darunter bin auch ich) hat ein schlanker Staat (evt auch kleinere politische Einheit) die Aufgabe eine grundlegende Rechtsordnung zu formulieren, die die Freiheitsrechte eines jeden Menschen definiert, dazu gehört dann aus deren Sicht auch das ungeborene menschliche Leben. Niemand hat das Recht, seine Freiheit auf Kosten eines anderen Menschen auszuleben. Ob auch der Staat diese Rechtsordnung durchsetzt oder private Firmen im Auftrag des Staates wird von Libertären sicherlich unterschiedlich gesehen. Zumindest ich halte eine staatliche Justiz und Polizei für nicht so schlecht, lasse mich aber gerne auch von alternativen Konzepten inspirieren.

    Die Pille danach ist (zumindest lauf wiki) primär ein Ovulationshemmer, d.h. sie stellt nach meiner rechtlichen Betrachtungsweise überhaupt (so wie die normale Pille) kein Problem dar. Selbst wenn der Wirkungsmechanismus partiell nidationshemmend wirkt, so wird die negative Freiheit des Embryos dennoch gewahrt, denn eine aktive Abtreibung wäre etwas anderes. Insofern sind unsere beiden Standpunkte, Frau Marschner, vielleicht gar nicht so weit entfernt, und das ganze ist konform mit § 118,1. Falsch finde ich aber eine willkürliche Festlegung eines Datums, bis dahin eine Abtreibung vorgenommen werden darf, sowie die Bedingung eines Beratungsgespräches ( § 118a, vor allem Absatz 4). Straffreiheit in schwierigen Fällen gerne, aber Straffreiheit darf nicht automatisch Legalität bedeuten. (Vielleicht tut es das hier auch gar nicht, bin kein Jurist).

    @ Frau Marschner:


    Mir ging es darum, dass Recht konsequent definiert wird, unabhängig von emotionalen Befindlichkeiten. Wenn ein Ungeboreres ein Lebensrecht haben soll, dann hat es das unabhängig seiner Entstehung. Wie die Gesellschaft mit dem Recht umgeht ist wieder eine andere Frage, Rechtspositivismus lehne ich entschieden ab. Und noch konkret zur Vergewaltigung: Es gibt ja noch die Möglichkeit der Pille danach, die (meines Wissens nach) nach meiner Lebensdefinition absolut legal wäre.

    Hätte nicht gedacht, dass ich mich auf eine so abstrakte Ebene in diesem Thread begeben muss ;) Aber man muss die Grundlagen tatsächlich einmal so durchkauen um die eigene Weltanschauung zu hinterfragen aber letztendlich zu begründen.


    @ Thomas Stahl: Klar kommt es im Leben auch auf den emotionalen Standpunkt an, aber ich würde hier so argumentieren, dass Unrecht zwar Unrecht bleibt, aber eine moralische Bewertung auch in die Rechtssprechung miteinfließt. D.h. eine Abtreibung nach einer Vergewaltigung bleibt zwar Unrecht gegenüber dem Kind, ist aber moralisch intuitiv nachvollziehbar und kann daher sehr milde bestraft werden. Das Recht an sich (legal oder illegal) muss aber klar und logisch definiert werden und darf sich nicht durch Emotionen beeinflussen lassen.

    Zitat

    Beginn des Selbsteigentums - Irgendwo habe ich auch mal folgendes gehört (weiß leider nicht mehr wo):


    Interessante Denkweise, aber höchstproblematisch. Das wäre die Rechtfertigung für Euthanasie oder evt. sogar Völkermord. Wer definiert denn, ab wann ein Lebewesen vernunftbegabt ist? Eine zentrale Instanz oder jedes Individuum für sich selbst? Wer also nicht ausdrücken kann, dass er Leben möchte, den dürfte man rechtlich gesehen umbringen. Außer sein Vormund wäre dagegen.


    Meine Sichtweise wäre die folgende: Axiom: Jedes menschliche Individuum hat ein Recht auf negative Freiheit und ist niemals Eigentum eines anderen menschlichen Individuums.


    Kann es sein Recht auf negative Freiheit nicht äußern, so bleibt dieses Recht selbstverständlich dennoch bestehen.


    Für die Abtreibungsfrage folgt daraus: Die Mutter ist Eigentümerin ihrer Eizelle, aber nicht ihres ungeboreren Kindes. In der Tat könnte man nun folgern, dass das Kind quasi unrechtmäßig eine "Wohnung" beansprucht, die der Mutter gehört. Allerdings kann man naturrechlich argumentieren, dass diese "Wohnung" speziell für das Kind existiert und quasi das Kind Miteigentümer ist. Das mag vielleicht nicht konsequent libertär sein aber im Zweifel ist für mich der Rausschmiss aus dem Mutterleib ein unrechtmäßiger Eingriff der die negative Freiheit des Kindes in Ruhe gelassen zu werden missachtet.

    Das Problem am privaten Autobahnbesitz ist die mangelnde Konkurrenz und somit nur ein geringer Preissenkungseffekt. Denn eine parallele Konkurrenzautobahn kann natürlich nicht ohne weiteres wie sonst im freien Markt gebaut werden. Und 200km Umweg werden vielleicht nur gefahren, wenn einem die Zeit wenig wert ist und die Mehrkosten für den erhöhten Spritverbrauch die Mehrkosten der teureren Autobahn unterschreiten. Daher wäre für Autobahnnutzer ein genossenschaftliches Modell wohl effizienter.